4. Alphabete / Abjad

Der Ursprung des Alphabets liegt in der Levante des 2. Jahrtausends v. Chr. Ausgehend von hier hat sich die Idee ‚Alphabet‘ mit dem griechischen und lateinischen, aber auch mit dem arabischen Alphabet über die ganze Welt verbreitet.

Nach allem was wir bis heute wissen, konnte das ‚Uralphabet‘ auf zweierlei Weise sortiert werden: nach der sogenannten ‚Abgad‘-Reihe, die dem hebräischen und im Prinzip auch noch dem griechischen und lateinischen Alphabet zugrundeliegt, oder nach einer einst auch sehr verbreiteten sogenannten ‚südsemitischen‘ Reihe, die aber heute nur noch ansatz­weise im äthiopischen Alphabet erkennbar ist. In beiden Reihen aber enthielt das ‚Uralphabet‘ 27-29 Konsonantenzeichen. Dieses reichhaltige Repertoire erfuhr jedoch schon im späten 2. Jahr­tausend v.Chr. insofern eine radikale Veränderung, als es auf nur noch 22 konsonantische Grapheme reduziert wurde (sog. ‚phöni­zisches‘ Alphabet). Auf dieser Basis und in der Abjad-Reihe setzte es sich dann welt­geschichtlich durch, indem es mit verschiedenen Mitteln sukzessive wieder erweitert wurde (matres lectionis im Hebräischen, Vokale und zusätzliche Buchstaben im Griechischen).
Die gängige Theorie besagt, daß die Reduktion ein Werk der Phönizier gewesen sei, welche wegen ihres ‚verschliffenen‘ Dialektes nur 22 Grapheme benötigt hätten. Gegen eine solche Erklärung spricht jedoch methodisch, daß damit allzu schnell eine Folge (Phönizisch überliefert nur 22 Grapheme) zur Ursache erklärt wird (Phönizier hatten nur 22 konso­nantische Phoneme), und sachlich der Umstand, daß es inzwischen mindestens als wahrscheinlich gelten kann, daß auch das Phönizische bis in das 1. Jahrtausend v. Chr. hinein durchaus mehr als nur 22 Phone­me kannte. Hierzu wurde eine mittlerweile publizierte neue Theorie erarbeitet, die den methodischen und philologischen Einwänden besser gerecht zu werden und den ‚historischen Flaschenhals‘ des 13./12.-9. Jh. v. Chr. in der Alphabetgeschichte auf andere Weise zu erklären versucht."

Einschlägige Publikationen:Reinhard G. Lehmann, 27-30-22-26. How Many Letters Needs an Alphabet? The Case of Semitic, in: The idea of writing: Writing across borders / edited by Alex de Voogt and Joachim Friedrich Quack, Leiden: Brill 2012, p. 11-52.