3. Kanaanäische Kalligraphie

Die verbreitete Ansicht, daß die vor allem phönizischen alphabetischen Inschriften des frühen 1. Jahrtausends v. Chr. ein primitives, noch relativ nahe am Anfang des Alphabetgeschichte stehendes Stadium wiederspiegeln, kann aufgrund neuer Forschungen nicht mehr aufrecht erhalten werden. Sie leitete sich vor allem aus dem Umstand ab, daß epigraphische (inschriftliche) Dokumente hier nahezu ausschließlich in vertiefter Schreibung in hartem Material erhalten sind, d.h. in Stein gehauen bzw. geritzt oder in Metall (Bronze) gepunzt, was der kalligraphischen Gestaltung naturgemäß Grenzen setzte bzw. die Ausprägung von Typen­formen in bestimmte, primitiv bzw. archaisch wirkende Richtungen lenkt.

Jedoch sind auch schon in frühen phönizischen – und soweit sie erhalten sind, auch hebräischen – Inschriften des frühen 1. Jahrtausends v. Chr. Merkmale einer hochent-wickelten kalligraphischen Schreibkunst erkennbar. Dies läßt sich mit Hilfe von typogra­phischen und kalligraphischen Parametern sichtbar machen und nachweisen, die teilweise aus der modernen Kalligraphie übernommen und in die historische Paläographie eingeführt werden (‚kerning‘ und ‚tracking‘ etc). Dabei wird das Wirken regionaler Schreiberschulen erkennbar, die einen erheblichen Einfluß auf die weitere Entwicklung und typologische Ausdiffernzierung der Schriftformen in der Levante des 1. Jahrtausends v. Chr. gehabt haben.

Einschlägige Publikationen:Reinhard G. Lehmann, Typologie und Signatur. Studien zu einem Listenostrakon aus der Sammlung Moussaieff, in: Ugarit-Forschungen 30, 1998, 397-459.

– Die Inschrift(en) des Aḥῑrōm-Sarkophags und die Schachtinschrift des Grabes v in Jbeil (Byblos), Mainz: Zabern 2005.

– Calligraphy and Craftsmanship in the Ahirom Inscription: Considerations on Skilled Linear Flat Writing in Early 1st Millennium Byblos: Maarav 15.2 (2008 [2009]) 119-164 + plates 217-222.

Kwang Cheol Park, Ende Zeile 11 der Mesha-Inschrift. Vorschlag einer neuen Lesung. In: Kleine Untersuchungen zur Sprache des Alten Testaments und seiner Umwelt. (KUSATU) 10, 2009,  161–172.

Vorträge:Reinhard G. Lehmann, Worttrennung und scriptio continua in der althebräischen Epigraphik“: xvii. Kongress der International Organization for the Study of the Old Testament (IOSOT), Sektion Hebrew Syntax and Writing, Basel, 5.-9. Juli 2001.

– „Areal top dogs & scribal speedups: the calligraphic turn(s) in 1st millennium BCE Northwest Semitic alphabetic writing.“: International Symposion „The Idea of Writing“: „Rationalizing Script: the simplification of characters and of writing systems“,Venice, September 12th and 13th.

– „Wer war Aḥirōmʼs Sohn (KAI 1:1)? Eine kalligraphisch-prosopographische Annäherung an eine epigraphisch offene Frage“: Fünftes Treffen der Arbeitsgemeinschaft Semitistik in der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Basel, 15.–17.02.2012.