2. Space Syntax und Suprasegmentale Spatienschreibung

‚Space Syntax‘ und suprasegmentale Spatienschreibung. Scriptio continua, Spatium und graphische Trennzeichenschreibung:
Morphosemantische Begrenzungssysteme im nordsemitischen Linearschriftraum des 1. Jahrtausends v. Chr.


Entgegen einer auch heute noch verbreiteten Auffassung stand am Anfang der vorder­asiatisch-phönizischen Geschichte des Alphabets nicht die sogenannte scriptio continua, eine ununterbrochene Zeichenkette ohne Wortzwischenräume, sondern der Gebrauch von graphischen Trennzeichen (erst später auch Spatien) zur Markierung von Wortgrenzen. Scriptio continua entwickelte sich vielmehr erst im Laufe des 1. Jahrtausends v. Chr. im syrisch-palästinischen Raum, wobei das Phönizische die treibende Kraft gewesen zu sein scheint. Gleichzeitig lassen sich etwa ab dem 8. Jahrhundert in phönizischen Inschriften auch Tendenzen beobachten, die scriptio continua nicht konsequent durchzuführen, sondern durch gelegentliche Spatien (Wortzwischenräume) aufzulockern. Bisher wurde dies stets als Nachlässigkeit der Schreiber und daher fehlerhafte Textwiedergabe gedeutet.

Jedoch läßt sich jedoch an perserzeitlichen und früheren phönizischen Inschriften der Einzelnachweis erbringen, daß es sich dabei um Wirklichkeit um ein bislang unbekanntes quasi-metrisches System handelt, das sich grammatisch genau beschreiben läßt (‚Space Syntax‘) und offenbar mit Prosodie (Vortragskunst) zu tun hat. Es ist dies dabei jedoch weniger die ‚Partitur‘ für den mündlichen Vortrag des Texts, sondern vielmehr die in Schrift geronnene ‚Hintergrundstrahlung‘ des oralen Prozesses, in dem der Text vor seiner Verschriftlichung entstand. Dies hat erhebliche Konsequenzen für die seit über 100 Jahren schwebende und weiterhin sehr kontrovers behandelte Frage nach einer Metrik der alten nordwestsemitischen Sprachen (Hebräisch, Aramäisch, Phönizisch, Ugaritisch).
Die ‚Space Syntax‘ von zwei wichtigen phönizischen Inschriften wurde bereits voll­ständig erarbeitet. Zur Verfeinerung des Systems und um seine Übertragbarkeit auf die Nach­bar­sprachen (vor allem Hebräisch) zu verifizieren, sind Analysen weiterer Inschriften notwendig und vorgesehen.  

Einschlägige Publikationen:Reinhard G. Lehmann, Space-Syntax and Metre in the Inscription of Yaḥawmilk, King of Byblos, in: Omar Al-Ghul / A. Ziyadeh (ed.), Proceedings of Yarmouk Second Annual Colloquium on Epigraphy and Ancient Writings, Irbid, October 7th – 9th, 2003, Faculty of Archaeology and Anthropology Publications 4, Yarmouk University, Irbid 2005, p. 69-98.

– „Who needs Phoenician?“ Vom Nutzen des Phönizischen für das Verständnis der Sprache des Antiken Israel. Überlegungen und Beispiele, in: Markus Witte / J.F.Diehl (Hg.),Israeliten und Phönizier – Ihre Beziehungen im Spiegel der Archäologie und der Literatur des Alten Testaments, Fribourg / Göttingen 2008 (Orbis Biblicus et Orientalis 235), S. 1-37.

Vorträge:Reinhard G. Lehmann, „Suprasegmentale Spatienschreibung und Metrum in phönizischen Inschriften“: 7. Mainz International Colloquium on Ancient Hebrew, 12.-13. November 2004.

– „Überlegungen zur Metrik und Prosodie der phönizischen Inschriften von Karatepe“: Vortrag auf dem Arbeitstreffen der Arbeitsgemeinschaft Semitistik in der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Marburg / Lahn 6.-7. April 2006.

– “Do you hear what you read? On writing Performance and Grammar in the Phoenician Inscriptions from Karatepe and other Places”: Vortrag am Orient-Institut Beirut, 29. April 2007.

– „Continuous writing, word-dividers, and spaces. Some neglected devices in Northwest Semitic alphabetic text design in Phoenician, Hebrew, and Aramaic Inscriptions of the 1st millennium BCE“: 26. 7. 2010 EABS International Meeting in Tartu, Estonia.

– “Writing Performance and Grammar in the Phoenician Inscriptions from Karatepe. Space Syntax as Prosodic ‘Background Radiation’”: 28. 7. 2010 SBL International Meeting, in Tartu Ülikool / University of Tartu, Estland: Workshop "Database of Ancient and Classical Poetical Devices" (DACPD).

– “Lücke, Strich, Punkt & Co. – Beobachtungen und Fundstücke auf einem vernachlässigten Gebiet nordwestsemitischen Textdesigns”: Internationale Ökumenische Konferenz der Hebräischlehrenden, Wuppertal 6.-8. Mai 2011.

– „Hörst du, was du liest? Epigraphische Beobachtungen zur mündlichen Überlieferung“: Seminar für Biblische Archäologie „Schreiber & Schrift im Alten Israel“, Schwäbisch-Gmünd 26. November 2011.