1. Lehrbuch Biblisches Aramäisch

Für den wohl größeren Teil der heutigen Studierenden ist das Biblisch-Aramäische der erste Kontakt mit den älteren Varietäten der aramäischen Sprache überhaupt. Gleichzeitig ist der Unterricht des Biblisch-Aramäischen insofern einem besonderen Handicap ausgesetzt, als das verfügbare Textkorpus äußerst schmal und zudem in seiner Morphologie uneinheitlich überliefert ist (Daniel / Esra). Dies gilt es bei einer didaktischen Aufbereitung für den akademischen Unterricht zu berücksichtigen.

1929 erschien (nach den älteren Grammatiken von Strack, Marti u.a.) im deutschsprachigen Bereich zum letzten Mal ein Lehrbuch des Biblisch-Aramäischen, das einen neuen Ansatz insofern verfolgte, als es das Biblisch-Aramäische im Kontext anderer alt­aramäischer Dialekte (Reichsaramäisch) zu erschließen und zu vermitteln trachtete: Hans Bauer und Pontus Leander, Kurzgefasste Biblisch-Aramäische Grammatik mit Texten und Glossar. Freilich war der neue Ansatz nicht didaktischer, sondern fast ausschließlich systematischer und terminologischer Natur, wie ihn die Verfasser bereits zwei Jahre zuvor in ihrer großen Referenzgrammatik und Hans Bauer alleine auch schon in seiner großen historischen Grammatik des Hebräischen vertreten hatte, er sich jedoch auf Dauer weder hier noch für das Aramäische hatte durchsetzen können. Das für Unterrichtszwecke gedachte Extrakt der großen Grammatik von 1927, die Kurzgefasste Biblisch-Aramäische Grammatik mit Texten und Glossar (1929), wurde in Ermangelung brauchbarer Alternativen noch 1983 in Hildesheim bei Olms nachgedruckt.
Das von mir seit Jahren verfolgte Projekt eines Lehrbuchs des Biblisch-Aramä­ischen ist dagegen nach einem völlig neuartigen Konzept angelegt. Ausgehend von der Tatsache, daß der weit überwiegende Teil der Studierenden, die sich überhaupt dem älteren Aramäischen zuwenden, bereits Kenntnisse im (Alt- bzw. Biblisch-) Hebräischen hat, setzt es dabei an, daß das Biblisch-Aramäische in dem gleichen Schriftsystem mit annähernd iden­ti­schen Kodifizierungsregeln vorliegt wie das den Studierenden bereits bekannte Hebräische. Der Unterricht kann also von Anfang an induktiv verfahren und in kursorischer Lek­türe die Besonderheiten der Aramäischen erschliessen, die dann in einem jeweils zweiten Schritt in kleinen Einheiten systematisch aufgearbeitet werden.
Besonders hervorzuheben ist die philologische ‚Brückenfunktion‘ des Biblisch-Aramäischen hin zu anderen aramäischen Dialekten / Sprachen und in die altorientalische Philologie hinein, die durch Querverweise auf verwandte oder explizit unterschiedene Phänomene in anderen nordwestsemitischen Sprachen / Dialekten didaktisch genutzt wird. Hierin ist das Lehrbuch einem interdisziplinären, semitistisch-altorientalisti­schen Ansatz verpflichtet.
Oberstes Ziel ist, Studierende zum selbständigen Durchdringen der Morphologie anzuhalten: Um also nicht wieder der in älteren Lehrbüchern verbreiteten Unsitte von nicht belegten, fiktiven und nur aus Analogieschlüssen (re-)konstruierten ‚ghost-forms‘ zu verfallen, wurde das neue Format des sog. ‚Realparadigma‘ entwickelt, das schon mehrfach erfolgreich im Unterricht getestet werden konnte. Dadurch wird es den Studierenden möglich, sich lernend auch andere Formen zu erschließen, ohne die Realität der defizienten Corpusüberlieferung des Biblischen Aramäisch aus den Augen zu verlieren oder eine falsche Sicherheit vorgespiegelt zu bekommen.
Das Lehrbuch Vom Hebraicum zum Aramaicum. Eine Einführung in die aramäische Sprache des Alten Testaments in seiner Umwelt wird nach einem weiteren zweisemestrigen Testdurchlauf in der Serie SILO beim Harrassowitz-Verlag Wiesbaden erscheinen.

Einschlägige Publikationen und Vorträge:Reinhard G. Lehmann [Rez.], Ursula Schattner – Rieser, Textes araméens de la Mer Morte. Édition bilingue, vocalisée et commentée, Bruxelles 2005: Orientalistische Literaturzeitung 104 (2009) 511-516.

– „Didaktische Grundsätze eines neuen Lehrbuchs des Biblisch-Aramäischen“: Vortrag auf der Internationalen Ökumenischen Konferenz der Hebräischlehrenden, Wuppertal 6.-8. Mai 2011.